{"id":151,"date":"2006-09-20T20:05:14","date_gmt":"2006-09-20T18:05:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=151"},"modified":"2008-10-10T11:50:56","modified_gmt":"2008-10-10T09:50:56","slug":"fussball-in-buenos-aires","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=151","title":{"rendered":"Fu\u00dfball in Buenos Aires"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"EN-GB\">Um den Fu\u00dfball in Buenos Aires besser verstehen zu k\u00f6nnen, muss man ein paar Fakten wissen. Deswegen gebe ich diese kurz wieder:<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">1.) Fu\u00dfball ist hier kein Sport, sondern eine Leidenschaft, Fanatismus und Religion. Viele Fans habe das Wappen ihres Clubs ein t\u00e4towiert und ein Fan einer anderen Mannschaft, ist gleichzeitig ein Feind. Beim Thema Fu\u00dfball verstehen die meisten Fans keinen Spa\u00df<br \/>\n2.) Die krassesten Fans werden &#8222;Ultras&#8220; genannt.<br \/>\n3.) Sehr viele Leute interessieren sich in Buenos Aires f\u00fcr Fu\u00dfball, vor allem aber die Jugendlichen in unseren Sozialprojekten. Diese k\u00f6nnen in Fu\u00dfballern Idole und Vorbilder finden.<br \/>\n4.) In der argentinischen \u201eBundesliga\u201c gibt es 20 Mannschaften und fast alle kommen aus Buenos Aires.<br \/>\n5.) Die zwei gro\u00dfen Clubs in Buenos Aires sind River Plate und Boca Juniors.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">Am letzten Sonntag, der 17.09, sind wir zum Spiel von Independiente gegen Lorenzo gegangen. Da sich beide auf dem Platz zwei der Liga befanden, war das Spiel ein Derby. Die Farbe des Club Atletico Independiente (CAI) ist rot.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">Als wir zum Stadion von Independiente liefen, wurden wir langsam von rot gekleideten Personen eingeh\u00fcllt und am Ende war die komplette Stra\u00dfe von ihnen besetzt. Leider konnten wir keine Karten mehr erwerben, da alle ausverkauft waren und wir somit ratlos auf der Stra\u00dfe standen. Pl\u00f6tzlich kamen drei Frauen auf uns zu und meinten, dass sie uns f\u00fcr 20 Peso reinbringen k\u00f6nnten.<br \/>\nAlso gingen wir mit ihnen mit. Jeder der drei Frauen hatte einen Behindertenausweis, mit dem sie jeweils eine Person mitnehmen konnten. Somit kamen alle sieben ins Stadion. Ob die Damen wirklich behindert sind, sei dahingestellt.<br \/>\nJan, der hundertprozentiger Fu\u00dfballfan ist, beschloss sogleich mit den Ultras einzulaufen. Diese st\u00fcrmen kurz vor dem Spiel, meist synchron mit den Fu\u00dfballspielern, ins Stadion und schwingen dabei ihre roten Fahnen. Als Problem sah ich nur das Tor, durch das sie einlaufen wollten: Es war geschlossen und davor standen circa 300 andere Fans. Aber diese Tatsache war den Fahnen schwingenden Ultras egal und alle st\u00fcrmten zum circa f\u00fcnf\u00a0 Meter breiten Stadioneingang, welcher mehr oder weniger \u00fcberrollt wurde. Und mitten drin war ich \u2013 mitten drin, statt nur dabei. Sp\u00e4testens jetzt gab es kein zur\u00fcck mehr und ein umdrehen war absolut unm\u00f6glich. Denn ich wurde von circa 600 Fahnen schwingenden Fans von hinten ins Stadion gedr\u00fcckt.<br \/>\nDen ersten argentinischen Fu\u00dfball Schock \u00fcberstanden, beschloss Jan nat\u00fcrlich gleich mit auf die \u201cTrib\u00fcne\u201d der Ultras zu gehen. Also quetschten wir uns alle sieben auf die Stehtrib\u00fcne auf der circa auf einen m\u00b2 50 Fans standen. Auf jeden Fall war es sehr eng.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">Hier muss ich eine kurze Erkl\u00e4rung einf\u00fcgen:<br \/>\nDie Fans in Argentinien trinken keinen Alkohol vor oder w\u00e4hrend dem Spiel und sind somit absolut n\u00fcchtern, was sie aber nicht vom Springen und Singen abh\u00e4lt. Ab und zu stieg mir aber der s\u00fc\u00dfliche Geruch von Marihuana in die Nase, da die Argentinier bei Fu\u00dfballspielen lieber Cannabis konsumieren, als Bier zu trinken.<br \/>\nAuf jeden Fall schreien die Fans in Argentinien nicht nur \u201cOle Ole\u201d und \u201cVor und noch ein Tor\u201d, wie in Deutschland. <\/span>Viel mehr haben sie ihre eigenen Fanges\u00e4nge. <span lang=\"EN-GB\">Es gibt sogar eine Zeitung, die nur Fanges\u00e4nge abdruckt. Im Stadion wird somit ununterbrochen gesungen und jeder kennt die Lieder auswendig. Bei dem CIA Spiel waren es mehr als zwanzig verschieden Lieder, die unaufh\u00f6rlich gesungen wurden.<br \/>\nVor der Trib\u00fcne steht immer ein \u201eEinheizer\u201c, der die Menge zum Tanzen und Springen auffordert. Mit der Zeit stimmt die ganze Trib\u00fcne mit ein und man merkt, wie der Gesang langsam von links oder rechts auf einen \u201czurollt\u201d. Das ganze k\u00f6nnte fast als M\u00e4nnerchor durchgehen.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">So, war es eben auch bei dem Spiel von CIA: Alle singen und springen. Manchmal endet das Springen damit, dass alle Personen, die auf der Trib\u00fcne stehen, um ein paar Stufen nach vorne gedr\u00fcckt werden. Solange Personen vor dir stehe, die dich auffangen, ist das kein Problem. Aber sobald sich eine L\u00fccke bildet, ist das sehr schmerzhaft.<br \/>\nIch habe etwa 50% Prozent des Spieles gesehen, da abwechselnd die Sicht von Fahnen, springenden Fans, oder sonstigen Gegenst\u00e4nden versperrt wurde, oder ich um mein Leben k\u00e4mpfen musste.<br \/>\nAm Ende wusste ich nicht, ob ich das Ganze gut finden sollte, oder nicht.<br \/>\nDas Spiel ging 1:0 f\u00fcr die Gegner aus, was mir ganz Recht war. Denn trotz der Niederlage, sahen es die Fans nicht ein, wieso sie ihre Mannschaft nicht feiern sollten und ich m\u00f6chte nicht wissen, was los gewesen w\u00e4re, falls CIA gewonnen h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p><a class=\"imagelink\" title=\"imgp0490.JPG\" href=\"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2006\/09\/imgp0490.JPG\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"image158\" style=\"width: 414px; height: 361px\" height=\"361\" alt=\"imgp0490.JPG\" src=\"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2006\/09\/imgp0490.JPG\" width=\"414\" \/><\/a><\/p>\n<p><span lang=\"EN-GB\">Nach dem Spiel sind wir zum Bahnhof gelaufen und haben mit vielen anderen roten Fans auf unseren Zug gewartet, der circa 20 Minuten zu sp\u00e4t kamen. In Argentinien gab es keine zwanzig Sonderz\u00fcge, wie in Deutschland. Somit wurde der Bahnhof regelrecht von den Fans, die zum Teil einfach \u00fcber die Bahngleise liefen, \u00fcberrannt.<br \/>\nAls dann endlich der Zug kam, wurde er von den roten Fans gest\u00fcrmt und die Gruppendynamik setzte ein: Im \u00fcbervollen Zug wurde gesungen, geh\u00fcpft, viel Krach gemacht und gegen alles geklopft und geh\u00e4mmert, was in Reichweite war. Dazwischen drangen hilflose Schreie von M\u00fcttern, die versuchten ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Zuerst wunderte ich mich, wieso der Zug nicht los fuhr, sp\u00e4ter erfuhr ich dann den Grund:<br \/>\nAnscheinend sind die CIA Fans auf eine Hand voll Boca Junior Fans gesto\u00dfen, die nat\u00fcrlich die roten Fans reizten. Das ganze endete mit einer gro\u00dfen Verfolgungsjagd der Boca Fans, durch die vielen CIA Fans. Deswegen wurde die Polizei alarmiert, worauf die roten Fans wieder in ihre \u201eBurg\u201c, die Zugstation, sowie auch in den Zug, fl\u00fcchteten. Dieser wurde dann erst einmal von der Polizei gest\u00fcrmt und die meisten Personen mussten aussteigen.<br \/>\nDurch das Fenster des Zuges konnte ich am Bahnhof die Polizisten erkennen: Alle hatten dicke Schutzwesten an und geladene Schrotflinte im Anschlag. Pl\u00f6tzlich fiel am Bahnhof ein Schuss. Ich wei\u00df bis heute noch nicht, was genau passiert ist.<br \/>\nIronischer weise wurde im Jahr 2002 auf derselben Station, Maxi und Dario, die auf einer friedlichen Demonstration waren, von der Polizei erschossen. Das war ein historisches Ereignis in Argentinien und die Leute versuchten danach die Stadion in Dario und Maxi umzubenennen, was aber scheiterte. Heute sind alle Bahnhofsschilder \u00fcbermalt und \u00fcberall kann man die zwei Namen lesen: Dario und Maxi.<br \/>\nAm Ende hat dann die Polizei auch unser Abteil gest\u00fcrmt und es wurde laut geschrien. Alle sollten sich auf den Boden setzen und (fast) alle taten es auch. In vielen Gesichtern stand die Angst geschrieben. Jetzt wei\u00df ich, wie ein Mensch aussieht, der unendliche Angst ausstehen muss. Neben mir waren zwei junge Frauen, die sich in ihre Sitze vergruben.<br \/>\nAm Ende war ich nur noch froh, dass der \u00fcbervolle Zug los fuhr.<\/span>\n<\/p>\n<p><!--cc313b04905ca53ce922b748ab5ae36d--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um den Fu\u00dfball in Buenos Aires besser verstehen zu k\u00f6nnen, muss man ein paar Fakten wissen. Deswegen gebe ich diese kurz wieder: 1.) Fu\u00dfball ist hier kein Sport, sondern eine Leidenschaft, Fanatismus und Religion. Viele Fans habe das Wappen ihres Clubs ein t\u00e4towiert und ein Fan einer anderen Mannschaft, ist gleichzeitig ein Feind. 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