{"id":367,"date":"2007-05-22T22:04:47","date_gmt":"2007-05-22T20:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=367"},"modified":"2008-12-12T22:45:17","modified_gmt":"2008-12-12T21:45:17","slug":"meine-aktuelle-arbeit-casa-de-nino","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=367","title":{"rendered":"Meine aktuelle Arbeit:  casa de los ni\u00f1os"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mein Einsatzort<\/strong><\/p>\n<p>Seitdem ich im M\u00e4rz wieder von meiner Reise wiedergekommen bin, arbeite ich immer jeweils am Montag und am Freitag im casa de los ni\u00f1os des Projektes Che Pibe. Hier sind die Kinder zwischen 6 und 13 Jahre alt und in drei verschiedene Gruppen unterteilt:<\/p>\n<ul>\n<li>Primer nivel (die erste Gruppe): 6, 7 und 8 Jahre<\/li>\n<li>Secundo nivel (die zweite Gruppe): 9 und 10 Jahre<\/li>\n<li>Tercer nivel (die dritte Gruppe): 11, 12 und 13 Jahre<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zurzeit arbeite ich ausschlie\u00dflich in der ersten Gruppe. Um 9.00 Uhr fr\u00fch beginne ich meine Arbeit im turno ma\u00f1ana (Vormittagsgruppe), der bis 12.00 Uhr dauert. Danach gibt es immer zwischen 12.00 und 13.00 Uhr eine Besprechung der Erzieher. Anschlie\u00dfend  findet der turno tarde (Nachmittagsgruppe) zwischen 13.00 bis 16.00 Uhr statt.<\/p>\n<p><strong>Meine Arbeit <\/strong><\/p>\n<p>Jeden Morgen wenn ich in der Arbeit eintreffe, fr\u00fchst\u00fccken wir erst einmal mit den Kindern. Danach geht es immer in den Saal des primier nivel. Hier habe ich die Gelegenheit ein kleines Spielchen mit den Kindern zu spielen, damit sie sich ein bisschen austoben und sich somit sp\u00e4ter besser konzentrieren k\u00f6nnen. Ich spiele vor allem viele Kreisspiele mit den Kindern, da bei dieser Art des Spieles jeder teilnehmen muss und sich nicht verstecken kann. Bei den Kindern wird dies meist als willkommene Abwechslung angesehen und manchmal fordern sie mich regelrecht dazu auf ein Spielchen mit ihnen zu machen.<br \/>\nAber auch die Betreuerin der Gruppe fragt mich immer vor der Stunde, ob ich eine Aktivit\u00e4t f\u00fcr die Kinder vorbereitet habe. Denn mittlerweile bin ich schon als vollwertiger profe (profesor \u2013 Lehrer) bei den Kindern und bei den anderen Betreuern anerkannt. Ich habe dieselben Rechte und sehe mich auf einer Ebene mit den anderen Sozialarbeitern. Diese Gleichberechtigung habe ich nicht zuletzt der eher linken politischen Ausrichtung des Projektes zu verdanken.<br \/>\nIn den verf\u00fcgbaren drei Stunden gebe ich au\u00dferdem noch kleinere Workshops f\u00fcr die Kindern. Zum Beispiel habe ich erst neulich artes plasticas (Basteln) mit ihnen gemacht. Hierbei durfte jedes Kind eine von mir vorgefertigte Schablone auf Tonpapier aufzeichnen und ausschneiden. Auf den verschiedenen Formen schrieb jeder seinen Namen und seinen Geburtstag und wir machten eine kleine Geburtstagswand. Durch diese kleine Aktivit\u00e4t wollte ich bewirken, dass sich die Kinder ihren eigenen Geburtstag besser merken k\u00f6nnen. Denn manche kennen diesen gar nicht auswendig.<br \/>\nEine andere Aktivit\u00e4t war, dass ich mit dem Kinder \u00fcber ihr Wochenende gesprochen habe. Jeder in der Gruppe musste eine kleine Geschichte vor den Anderen vortragen. Am Ende musste jeder sein sch\u00f6nstes Erlebnis des Wochenendes mit Buntstiften zeichnen. Nat\u00fcrlich zeichneten 90% der Jungen einen Fu\u00dfballplatz.<br \/>\nAnschlie\u00dfend helfen die Betreuerin und ich den Kindern ihre Hausaufgaben anzufertigen. Hierbei kann ich besonders bei Mathematik weiterhelfen. Aber mittlerweile kenne ich mich mit Spanisch so gut aus, dass ich auch in lengua (Spanisch) eine gro\u00dfe Hilfe darstelle. Hier befasse ich mich vor allem mit den Kindern, die ein gro\u00dfes Wissensdefizit aufweisen. Alle Kinder haben ihr eigenes Lernheft im Projekt und wir machen jede Stunde eine kleine Aktivit\u00e4t: zum Beispiel Buchstaben \u00fcben, W\u00f6rter oder S\u00e4tze schreiben, Rechnungen ausf\u00fchren oder kleine Zeichnungen erstellen. Vielen leseschwachen Kindern helfe ich vor allem beim Schreiben und beim Lesen. F\u00fcr diese Einzelbetreuung h\u00e4tte die Betreuerin gar keine Zeit. Ich hingegen kann genau diese Form der F\u00f6rderung mit den Kindern praktizieren. Zum Abschluss des Tages gehen wir bei sch\u00f6nem Wetter auf dem Fu\u00dfballplatz. Dort spielen wir verschiedene Ballspiele, vor allem aber Fu\u00dfball und Volleyball. Es wird Seil geh\u00fcpft, fangen gespielt, gesprungen und kleinere Spielchen gespielt. Hier k\u00f6nnen die Kleinen ihre ganze Energie loswerden, damit sie ausgeglichener sind.<\/p>\n<p>Diese Woche wurde mir eine gro\u00dfe Verantwortung zu Teile gemacht. Da der Profesor Javier des premier nivel turno manana (erste Gruppe am Vormittag) nicht da ist, wurde ich f\u00fcr eine Woche als ein richtiger profesor eingeteilt. Dass hei\u00dft, ich bin nun jeden Tag von 9.00 bis 12.00 mit ungef\u00e4hr acht Kindern alleine und muss diese drei Stunden besch\u00e4ftigen. F\u00fcr mich bedeutet das eine sehr gro\u00dfe Verantwortung und Verpflichtung. Aber gerade dadurch steigt auch meine Motivation ungemein an. Irgendwie ist es ein unbeschreiblich sch\u00f6nes Gef\u00fchl nach acht Monaten im Stande zu sein, eine eigene Gruppe selbst zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Kinder, Lachen, Spa\u00df, Geschreie und kleine Probleme<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich geh\u00f6ren all diese Sachen zusammen. Denn meine Kinder im Projekt k\u00f6nnen einen nicht nur Unmenge an Freude bereiten, sondern auch manchmal Kopfzerbrechen \u00fcber ihr merkw\u00fcrdiges Verhalten.<br \/>\nDie meisten Kinder sind aber wirklich sehr freundlich und sie lieben mich \u00fcber alles. Es ist ein unbeschreiblich sch\u00f6nes Gef\u00fchl, wenn ich im Projekt ankomme und schon drei Kinder auf mich zugest\u00fcrmt kommen und ganz laut \u201ePatriiiik\u201c rufen und mich ganz fest umarmen. Viele wollen dann, dass ich sie hochnehme, Huckepack mit ihnen mache, ihnen die Hand gebe oder sie umarme. Fast alle sind wirklich sehr liebensw\u00fcrdig.<br \/>\nAuch werde ich von ihnen \u201eprofe\u201c (profesor \u2013 Lehrer) genannt. F\u00fcr mich ist das eine sehr gro\u00dfe Anerkennung, dass ich von den Kindern die gleiche Achtung bekomme, die sie alle anderen Betreuer auch entgegenbringen. Dies hat zur Folge, dass ich als Respektsperson angesehen werde und die Kinder besser auf mich h\u00f6ren. Manchmal wundere ich mich selbst, wie gut ich dich Kleinen im Griff habe.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich gibt es auch einige sehr schwierige F\u00e4lle. Denn die Kinder kommen meistens aus zerr\u00fcttelten und sehr armen Familienverh\u00e4ltnissen.<br \/>\nEiner meiner Kinder, Ezequiel, lebt zum Beispiel mit seinem Vater und seinem zwei kleineren Br\u00fcdern zusammen in Fiorito. Die Eltern sind getrennt und das Sorgerecht hat nicht, wie im argentinischen Gesetz verankert, die Frau, sondern vielmehr der Mann. Denn die Frau ist Alkoholikerin, lebt in Constituci\u00f3n (ein Bahnhof) und es ist die Rede von Drogen und Prostitution. Bei dieser Vergangenheit ist es nicht verwunderlich, dass der Kleine schwere seelische Probleme hat. Manchmal spielt er \u201ePower Ranger\u201c und will sich mit den anderen Jungs pr\u00fcgeln. In solchen Situationen helfen Worte nichts mehr und er ist nicht mehr aufzuhalten.<br \/>\nIch habe allerdings auch schon gro\u00dfe Erfolge mit ihm gehabt. Wenn er der einzige Junge in der Gruppe ist, dann zeichnet und bastelt er konzentriert und aufmerksam. Auch \u00fcbe ich oft Schreiben und Lesen mit ihm, da sein Niveau sehr niedrig ist.<\/p>\n<p>Ein anderer Junge ist Christian. Dieser hat ein starkes Liebesbed\u00fcrfnis und klebt immer f\u00f6rmlich an mir oder will st\u00e4ndig Huckepack machen.<br \/>\nEinmal als ich seine Bitte, dass ich ihm auf die Schultern nehme, verneinte, wurde er richtig b\u00f6se und fing mich an mit seinen Turnbeutel und seiner Jacke zu schlagen. Ich nahm ihm diese Sachen ab, worauf er zwei gro\u00dfe Steine aufhob und diese drohend in die Luft hob. Das einzige was er wollte, war Aufmerksamkeit erwecken. Als ich das erkannte und mich von ihm abwand,  kamen auch schon die beiden gro\u00dfen Steine geflogen. Sp\u00e4ter als wir ins Klassenzimmer zur\u00fcckkehren wollte, warf er sich auf dem Boden, schrie ganz laut, tritt und spuckte um sich und wollte sich nicht um einen Zentimeter von der Stelle bewegen. Nicht einmal die anderen Betreuer konnten zu ihm durchdringen.  Mit dem Jungen konnte man einfach nicht mehr reden.<br \/>\nIch kann mir nicht vorstellen, was in diesen Jungen vor sich geht. Aber auch seine Schwester erweckt einen schwierigen Eindruck: sie ist total sch\u00fcchtern und bringt nicht ein Wort heraus. Beide kommen meist immer mit derselben, sehr dreckigen Kleidung in das Projekt. Die Haare sind zerzaust und verfilzt und das Gesicht dreckig. Beide k\u00f6nnen so gut wie gar nicht Lesen und Schreiben.<br \/>\nDesto mehr hat es mich gefreut, dass ich nach diesem Vorfall mit Christian, in der n\u00e4chsten Stunde mit ihm die Zahlen \u00fcben konnte und er wieder ganz normal war. Auch mit seiner Schwester \u00fcbe ich jede Stunde intensiv die Buchstaben.<\/p>\n<p><strong>Im Gossen und Ganzen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u2026 bin ich mehr als gl\u00fccklich mit meiner Arbeit im casa de nino. Auch wenn ich manchmal an Grenzen sto\u00dfe, bei denen ich nicht wei\u00df wie ich mich verhalten soll. Am liebsten w\u00fcrde ich in solchen Momenten genau wissen, wie ich mich zu verhalten habe, oder was ich zu den Kindern sagen muss.<br \/>\nF\u00fcr mich ist immer der sch\u00f6nste Moment nach der Arbeit: ich bin noch im Speisesaal und trinke einen hei\u00dfen Tee mit den anderen Betreuer. Der Raum wird von einer unbeschreiblich sch\u00f6nen Stille erf\u00fcllt und ich sage mir, dass ich heute wieder etwas Kleines bewegen konnte. Ein unbeschreibliches Gef\u00fchl<\/p>\n<p><!--debf84c01b39ac04a36dbb756db26483--><\/p>\n<p><!--d602bab98779c6c8602022489dada441--><\/p>\n<p><!--0ccd3ad1c5e2d780e803041caa2ccb5a--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Einsatzort Seitdem ich im M\u00e4rz wieder von meiner Reise wiedergekommen bin, arbeite ich immer jeweils am Montag und am Freitag im casa de los ni\u00f1os des Projektes Che Pibe. 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