{"id":369,"date":"2007-06-05T19:30:32","date_gmt":"2007-06-05T17:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=369"},"modified":"2008-10-10T11:50:17","modified_gmt":"2008-10-10T09:50:17","slug":"mein-erster-tag-in-einer-anderen-welt-die-arbeit-eines-cartoneros","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=369","title":{"rendered":"Mein erster Tag in einer anderen Welt: die Arbeit eines Cartoneros"},"content":{"rendered":"<p>An diesem Montag, der 04.06.2007, ging ich nicht wie gewohnt nach der Arbeit im Villa Fiorito nach Hause. Ich setzte mich an die dem Projekt gegen\u00fcberliegende Stra\u00dfenseite und wartete auf meine ungew\u00f6hnliche Verabredung.<\/p>\n<p>Denn heute werde ich mich an dieser Kreuzung mit Chucky treffen. Chucky ist eines meiner Projektkinder im casa de joven (Jugendhaus) von Che Pibe. Er ist 16 Jahre alt, hat erst letztes Jahr die f\u00fcnfstufige Primaria (erste Schulstufe in Argentinien) abgeschlossen und besucht nun die Secundaria (letzte, siebenstufige Schulstufe in Argentinien). Auf mich macht er einen sehr vern\u00fcnftigen Eindruck, er ist clever und hat eigene Vorstellungen f\u00fcr seine Zukunft: ich will mit meiner Freundin zusammenziehen und mein eigenes Zimmer mit allem was man braucht ausstatten.<br \/>\nUm sich diesen Traum zu verwirklichen, wird Chucky noch viel Geld sparen m\u00fcssen. Denn das Arbeitsangebot ist, in so einem marginalisierten Armutsviertel, wie es Villa Fiorito darstellt, nicht besonders gro\u00df. Deswegen arbeiten viele Jungen und Alten in einem Sektor, der in Deutschland v\u00f6llig unbekannt ist: sie sind cartoneros.<\/p>\n<p>Da es in Argentinien kein Recyclingsystem gibt, werden Papier, Plastik, Karton und Glas zusammen in den Abfall geschmissen. Und genau diese kostbaren, wieder verwertbaren Rohstoffe sammeln die Cartoneros im M\u00fcll des Capital Federal von Buenos Aires, um es dann sp\u00e4ter verkaufen zu k\u00f6nnen. Sozusagen, tr\u00f6pfeln einige Pesos von dem M\u00fcll der Reichen in die H\u00e4nde des Armenheeres, das um die Gro\u00dfstadt herum in Ghettos lebt.<br \/>\nUnd auch Chucky verdient sich sein t\u00e4gliches Brot mit dieser Form des Arbeitens. Aber eigentlich k\u00f6nnte man annehmen, dass Chucky ein ganz normaler Junge ist, der in die Schule geht und lediglich seine Jugend genie\u00dfen will. Als er die Stra\u00dfe hinaufgelaufen kam, erkannt ich ihn schon von weiten an seiner Kleidung: seine Baseballcap tief ins Gesicht gezogen, weite l\u00e4ssige Jeans und dazu trug er ein Nike T-Shirt. Nur die Umgebung um ihm herum, tr\u00fcgte das Bild des ganz normalen Jungen: alles im Viertel Fiorito ist voller M\u00fcll, die H\u00e4user an der Erdstra\u00dfe sind in einem sehr schlechten Zustand und vor diesen l\u00e4uft die Kloake durch schmalen Rinnen ab.<\/p>\n<p>\u201eGleich geht\u2019s los. Ich habe den Karren schon auf den LKW geladen.\u201c, begr\u00fc\u00dfte er mich mit einen freundlichen Handschlag. Kurze Zeit sp\u00e4ter h\u00f6rte man schon den alten Diesellastwagen von weitem herankommen. \u201eLos Mochos\u201c hei\u00dft er, erkl\u00e4rte mir Chucky. Dann konnte ich ihn auch sehen: es waren circa drei\u00dfig andere Cartoneros darauf. Viele sa\u00dfen weit \u00fcber der Stra\u00dfe, auf den Seitenw\u00e4nden der Ladefl\u00e4che des LKWs.<br \/>\nIrgendwie hatte ich bei den Gedanken, auf diesen LKW mitzufahren, kein sehr gutes Gef\u00fchl. Aber ich hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn Chucky dr\u00e4ngte mich schon dazu aufzusteigen. Als ich endlich oben war, verschwand dieses Gef\u00fchl einfach nicht. Ich dachte mir, das ist nicht meine Welt und schaute mich um: ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen, ein kleiner achtj\u00e4hriger Junge mit seinem Vater, ein junges Liebespaar, das sich vor den Wind sch\u00fctzend eng zusammen kuschelte, ein alter Mann mit schiefen, schwarzen Z\u00e4hnen und viele andere junge Leute. Und mittendrin ein Bamberger, der im Vergleich zu diesen Leuten wohl steinreich sein muss. \u201eHier geh\u00f6re ich nicht her, das ist nicht meine Welt\u201c, dachte ich mir wieder, wurde aber schon gleich darauf von dem zw\u00f6lfj\u00e4hrigen M\u00e4dchen angesprochen.<\/p>\n<p>Nun ging die f\u00fcnfzigmin\u00fctige Fahrt durch das Ghetto auf kaputten Stra\u00dfen, vorbei an M\u00fcllhaufen und Blechbaracken, in die Richtung des Capital los. Dort angekommen trafen zwei Welten aufeinander: auf den Stra\u00dfen fuhren schicke Autos, auf den Gehsteigen liefen M\u00e4nner in Anz\u00fcgen und die riesigen, modernen Geb\u00e4ude warfen ihre langen Schatten auf den Lastwagen der Cartoneros. Irgendwie schon ein komisches Gef\u00fchl all diesen Reichtum zu sehen, wenn man sich unter Armen befindet. \u201eWas denken sie, wie f\u00fchlen sie sich?\u201c, fragte ich mich immer und immer wieder.<br \/>\nEndlich waren wir am Ziel. Wir stiegen ab, luden den Karren mit zwei gro\u00dfen S\u00e4cken (jeweils ein Kubikmeter Inhalt) vom gro\u00dfen LKW und dann ging es auch schon los. Aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe des Karrens mussten wir immer am Stra\u00dfenrand laufen, was extrem gef\u00e4hrlich beim starken Verkehr in Buenos Aires ist. Oft kommt es vor, dass die Autos am Karren und auch an Chucky in einem sehr geringen Abstand vorbeifahren.<\/p>\n<p>Chucky erkl\u00e4rt mir, dass wir jetzt seine normale Route ablaufen. Die Leute hier kennen mich schon und halten den M\u00fcll f\u00fcr mich bereit, erkl\u00e4rte er mir. An der ersten Stra\u00dfenecke warteten auch schon die ersten schwarzen M\u00fcllbeutel darauf ge\u00f6ffnet zu werden. Zuerst schaut ich Chucky zu und lie\u00df mir erkl\u00e4ren, was alles verwertbar sei: Karton, Glas- und Plastikflaschen, Shampoo- und andere Plastikgef\u00e4\u00dfe, Dosen, Zeitungs- und wei\u00dfes Papier. Was Chucky nicht sammelt sind: Konservendosen, Spraydosen und schon recyceltes Papier \u2013 das bringt zu wenig Geld ein, meinte er.<\/p>\n<p>Nach einer Zeit gew\u00f6hnt man sich daran M\u00fcllbeutel aufzurei\u00dfen und darin herumzusuchen, auch wenn immer ein gewisses Eckelgef\u00fchl bleibt, wenn man zum Beispiel Babywindel oder Essensreste in der Hand h\u00e4lt. Langsam lernte ich die verschiedenen M\u00fcllbeutel nach ihren Wert zu sch\u00e4tzen: in K\u00fcchenbeutel sind meistens nur Essensabf\u00e4lle und somit lohnt es sich \u00fcberhaupt nicht sie aufzumachen. In B\u00fcrozimmerbeutel gibt es aber meistens immer wei\u00dfes Papier, was ja gesammelt wird. Auch entwickelt man nach und nach ein Gef\u00fchl f\u00fcr den M\u00fcll: hier ist eine Plastikflasche, da eine Zeitung und dort ein Plastikgef\u00e4\u00df.<br \/>\nAllen verwertbaren M\u00fcll wird in den riesigen Beutel auf den Karren geladen. Den richtigen M\u00fcll wird in die M\u00fclls\u00e4cke zur\u00fcckgegeben und wieder sauber an ihren Platz abgestellt. Vielleicht darf Chucky deswegen den M\u00fcll von den gro\u00dfen Mietsh\u00e4usern durchsuchen, weil er so sauber arbeitet, dachte ich mir.<br \/>\nDenn so wie Chucky gesagt hatte, warteten die Portiere der Wohnblocks schon auf ihm, um ihm den M\u00fcll abholen zu lassen. Chucky gr\u00fc\u00dft sie freundlich, schleppt darauf die gro\u00dfen Beutel heraus und tr\u00e4gt sie zur n\u00e4chsten Kreuzung um diese zu inspizieren. Durch dieses Abkommen mit den Portiers, l\u00e4uft Chucky nicht Gefahr, dass ihm andere cartoneros zuvor kommen und ihn die wertvollen Sch\u00e4tze klauen.<br \/>\nSo zogen wir nun von Haus zu Haus, von M\u00fcllbeutel zu M\u00fcllbeutel und luden st\u00e4ndig die gefundenen, wertvollen Sachen auf unseren Karren, bis beide Beutel komplett voll waren. Dann zogen wir mit Karren und gesammelten M\u00fcll zur\u00fcck zum Lastwagen, aber nicht ohne die Gelegenheit zu verpassen, bei einem Kiosquo anzuhalten, um sich die H\u00e4nde zu waschen, eine Cola zu trinken und ein Sandwich zu Essen. Chucky lud selbstverst\u00e4ndlicherweise ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es eine komische Situation, dass ich im M\u00fcll w\u00fchle und die anderen Leute an mir vorbeilaufen. Normalerweise sehe ich die Szene genau aus der anderen Perspektive. Nun fragte ich mich aber, was sich die Leute denken, wie sie sich f\u00fchlen, in welchem Licht sie mich sehen. Ich zumindest bin jedes Mal peinlich ber\u00fchrt, wenn ich cartoneros auf den Stra\u00dfen von Buenos Aires sehe. Aber ich glaube f\u00fcr die Portenos (Einwohner von Buenos Aires) ist das so ein normaler Anblick, dass sie einfach weg schauen und sich keine Gedanken dar\u00fcber machen wollen.<br \/>\nEine Szene fand ich sehr bedr\u00fcckend. Ein langsam vorbeifahrendes Auto warf eine leergetrunkene Plastikflasche direkt vor die F\u00fc\u00dfe von Chucky und der Fahrer hatte dabei ein breites Grinsen im Gesicht. Chucky bedankte sich h\u00f6flich und nahm die Flasche. Ich finde, dass man den Cartoneros auch mit Respekt entgegentreten muss<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war dieser erste Tag eine wichtige Erfahrung; ich bin in eine Welt eingedrungen, die ich bisher nicht kannte, und wohl auch nicht f\u00fcr einen \u201ereichen\u201c Deutschen geschaffen ist. Nun kann ich vielleicht einige meiner Projektkinder besser verstehen.<br \/>\nIch bin schon gespannt auf die n\u00e4chsten Tage.\n<\/p>\n<p><!--74517155d0aec96d2b648bdc5ae10f6d--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An diesem Montag, der 04.06.2007, ging ich nicht wie gewohnt nach der Arbeit im Villa Fiorito nach Hause. Ich setzte mich an die dem Projekt gegen\u00fcberliegende Stra\u00dfenseite und wartete auf meine ungew\u00f6hnliche Verabredung. Denn heute werde ich mich an dieser Kreuzung mit Chucky treffen. Chucky ist eines meiner Projektkinder im casa de joven (Jugendhaus) von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}