{"id":370,"date":"2007-06-06T06:48:08","date_gmt":"2007-06-06T04:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=370"},"modified":"2008-10-10T11:56:26","modified_gmt":"2008-10-10T09:56:26","slug":"mein-zweiter-tag-in-der-anderen-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.patrick-wagner.net\/Wordpress\/?p=370","title":{"rendered":"Mein zweiter Tag in der anderen Welt"},"content":{"rendered":"<p>Heute, am Dienstag, der 05.06.2007, trat ich meinen zweiten \u201eArbeitstag\u201c als Cartonero an. Wie schon gestern wartete ich an der Stra\u00dfenkreuzung vor dem Projekt \u201eChe Pibe\u201c, diesmal aber ganz alleine. Als der Lastwagen kam, konnte ich schon weit oben auf der Seitenwand sitzend Chucky erkennen. Also fasste ich all meinen Mut zusammen und versucht so zu wirken als w\u00e4re es das normalste der Welt, dass ich zu dem Cartoneros auf dem Lastwagen steige. Oben angekommen, suchte ich so schnell wie m\u00f6glich die N\u00e4he zu Chucky, um mich wenigstens etwas besser zu f\u00fchlen.<br \/>\nAber trotzdem empfinde ich dasselbe wie gestern: ein komisches, schlechtes oder besser gesagt beschissenes Gef\u00fchl. \u201eDas hier ist einfach nicht der Ort, wo ich sein sollte\u201c, dachte ich mir. Ich bin hier der reiche Deutsche unter wirklich armen Argentinier aus Villa Fiorito. \u201eEs ist eben unm\u00f6glich die Armut vorzut\u00e4uschen\u201c, dachte ich mir. Obwohl ich mich hier gerade in derselben Situation, wie die anderen Cartoneros befinde, wei\u00df ich, dass ich Deutscher bin, dass ich jederzeit nach Deutschland zur\u00fcckkehren kann und dass ich im Vergleich zu diesen Leuten einfach nur steinreich bin.<\/p>\n<p>Heute war ich schon etwas bekannter auf den Laster und ich wurde teilweise mit einem freudigen Hallo oder Zuwinken begr\u00fc\u00dft. Als wir in das Capital eindrangen und wieder die Welt des Reichtums und die Welt der Armen aufeinander trafen, empfand ich ein minimal gr\u00f6\u00dferes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Denn nun geh\u00f6rte ich eindeutig zu der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschicht, ich befand mich zumindest auf ihren Laster.<br \/>\nWie mir Chucky erkl\u00e4rte, schlagen wir heute einen etwas anderen Weg als gestern ein, da es viel mehr Verkehr gibt. Wir fuhren durch eine Alleestra\u00dfe und alle Leute auf den Seitenw\u00e4nden mussten sich ducken, um den gef\u00e4hrlich nah kommenden Baum\u00e4sten auszuweichen. Von dort oben, wurden den Frauen auf den Stra\u00dfen laut nach gepfiffen und auch schon mal der ein oder andere dumme Kommentar losgelassen. Andere hingegen bevorzugten es lieber mit ihrem mobilen Radio das aktuelle Fu\u00dfballspiel mitzuh\u00f6ren und immer wieder den Anderen ein leises \u201egol\u201c mitzuteilen, wenn ein Tor gefallen war.<\/p>\n<p>Heute fing der Arbeitstag eher ruhig an. An der Stelle, wo wir gestern noch sechs gro\u00dfe, schwarze M\u00fcllbeutel abholten, fanden wir heute nur zwei vor. Irgendwie ist es logisch, dass man am Montag mehr M\u00fcll findet, da es am Sonntag keine M\u00fcllabfuhr gibt, erkl\u00e4rte ich mir diese Tatsache. Allgemein mussten wir heute von 18.00 Uhr bis 20.00 Uhr viel l\u00e4ngere Wege als gestern zur\u00fccklegen, da viele noch nicht ihren M\u00fcll herausgestellt hatten, beziehungsweise es nicht so viele M\u00fcllbeutel wie gestern gegeben hat. Und au\u00dferdem gibt es auch massenweise \u201eKonkurrenz\u201c. Ich habe viele andere Cartoneros gesehen und vor allem viele M\u00fcllbeutel, die bereits durchsucht wurden. \u201eM\u00fcllbeutel, die gerade von anderen Cartoneros durchsucht werden, darf ich nicht anlangen\u201c, erkl\u00e4rte mir Chucky diesen Ehrenkodex der Cartoneros.<br \/>\nAufgrund dieses \u201eArbeitsmangels\u201c spendierte Chucky mir zwei Runden alfajores (argentinisches Geb\u00e4ck) und man hat auch schon mal die Zeit, um ein kurzes Gespr\u00e4ch mit anderen Cartoneros aus Villa Fiorito, die hier ebenfalls arbeiten, zu halten.<br \/>\nUm 20.00 Uhr begaben wir uns aber in die Stra\u00dfe, wo Chucky immer M\u00fcll sammelt und wo normalerweise keine anderen cartoneros sind. Langsam begannen die Leute nach und nach den M\u00fcll herauszuholen und somit hatten wir wieder viel zu tun. Am Ende schafften wir es zumindest einen gro\u00dfen Korb mit wieder verwendbarem M\u00fcll zu f\u00fcllen. \u201eManchmal schaffe ich es alle zwei Beutel (so wie gestern) zu f\u00fcllen. An schlechteren Tagen bringe ich aber auch nur einen Beutel mit nach Hause\u201c, erkl\u00e4rte mir Chucky.<\/p>\n<p>Am Ende des Tages erz\u00e4hlte mir Chucky, was man f\u00fcr ein Kilo eines bestimmten Materials bekommt. Hier einige Auflistungen<\/p>\n<ul>\n<li>Kupfer \u2013 16 Peso (4 \u20ac)<\/li>\n<li>Aluminium \u2013 5 Peso (1,25 \u20ac)<\/li>\n<li>Blei \u2013 3,60 Peso (0,90 \u20ac)<\/li>\n<li>Wei\u00dfes Plastik \u2013 1 Peso (0,25 \u20ac)<\/li>\n<li>Wei\u00dfes Papier \u2013 0,72 Peso (0,18 \u20ac)<\/li>\n<li>Gr\u00fcnes Plastik \u2013 0,40 Peso (0,10 \u20ac)<\/li>\n<li>Karton \u2013 0,27 Peso (0,07 \u20ac)<\/li>\n<li>Glas \u2013 0,10 Peso (0,03 \u20ac)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nachdem Chucky die 40 Peso Geb\u00fchr f\u00fcr die Mitnahme im Laster bezahlt hat, bleiben ihm ungef\u00e4hr jede Woche noch 150 Peso (37,50 \u20ac) \u00fcbrig, erz\u00e4hlte er mir.<\/p>\n<p>Heute ist mir positiv aufgefallen, dass es auch einige Leute gibt, die den Cartoneros helfen. Zum Beispiel gab uns ein Stra\u00dfenreiniger alle Plastik- und Glasflaschen aus einem \u00f6ffentlichen M\u00fclleimer, was ich wirklich sehr nett fand. Auch brauchte uns heute eine Frau einen riesigen Karton voller Zeitungen, den sie extra gesammelt hat. Solche Gesten gegen\u00fcber Cartoneros zeigen zumindest etwas Respekt vor ihrer T\u00e4tigkeit und diese halte ich f\u00fcr angebrachter, als b\u00f6se Zurufe, dass man doch woanders M\u00fcll sammeln soll.\n<\/p>\n<p><!--b8336759742b35a978243b69fe3ca6a3--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute, am Dienstag, der 05.06.2007, trat ich meinen zweiten \u201eArbeitstag\u201c als Cartonero an. Wie schon gestern wartete ich an der Stra\u00dfenkreuzung vor dem Projekt \u201eChe Pibe\u201c, diesmal aber ganz alleine. Als der Lastwagen kam, konnte ich schon weit oben auf der Seitenwand sitzend Chucky erkennen. 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